Wer an heißen Sommertagen durch süddeutsche Wälder oder Weinberge spaziert, fühlt sich akustisch oft ans Mittelmeer versetzt. Das durchdringende, rhythmische Zirpen, das wir meist aus dem Urlaub kennen, ist längst auch hier heimisch geworden. Wenn Sie eine Singzikade hören, sind Sie Zeuge eines beeindruckenden biologischen Phänomens und oft auch eines Indikators für den Klimawandel.
Warum wir die Singzikade hören können
Nicht alle Zikaden sind laut. Es sind fast ausschließlich die Männchen der Familie der Singzikaden (Cicadidae), die diese enormen Lautstärken produzieren. Sie tun dies, um paarungsbereite Weibchen anzulocken.
Das Organ, mit dem sie diese Töne erzeugen, ist im Tierreich einzigartig: das Trommelorgan (Tymbal). Durch extrem schnelle Muskelkontraktionen werden gewölbte Platten im Hinterleib zum Schwingen gebracht. Der hohle Hinterleib dient dabei als Resonanzkörper, der den Schall massiv verstärkt. Wer eine große Singzikade hören kann, nimmt oft Lautstärken von über 90 Dezibel wahr – das entspricht etwa einem Presslufthammer.
Welche Arten gibt es in Deutschland?
In Mitteleuropa war lange Zeit vor allem die Bergsingzikade (Cicadetta montana) bekannt. Doch durch die steigenden Durchschnittstemperaturen wandern wärmeliebende Arten aus dem Mittelmeerraum ein. Besonders häufig kann man mittlerweile folgende Arten antreffen:
- Die Bergsingzikade: Ihr Gesang ist eher leise und für das menschliche Ohr oft schwer zu verorten. Er klingt wie ein langes, gleichmäßiges Surren.
- Die Gemeine Singzikade (Lyristes plebejus): Sie ist deutlich lauter und ihr Ruf ist komplexer und rhythmischer.
- Die Weinbergesingzikade (Tibicina haematodes): In Süddeutschland, speziell in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, lässt sich diese Singzikade hören. Sie bevorzugt warme Hänge und lichte Wälder.
Wo und wann Sie den Zikadengesang erleben
Um das Konzert der Insekten zu erleben, müssen die Bedingungen stimmen. Zikaden sind wechselwarm und benötigen hohe Außentemperaturen, um aktiv zu werden.
- Die beste Tageszeit: Die Männchen singen vor allem in der heißen Mittagssonne bis in den Nachmittag hinein.
- Der ideale Ort: Suchen Sie sonnenbeschienene Waldränder, Weinberge oder Streuobstwiesen auf. In Deutschland sind der Kaiserstuhl, die Rheinebene und Teile Hessens Hotspots.
- Die Position: Zikaden sitzen meist gut getarnt hoch oben in Bäumen oder Büschen. Man kann die Singzikade hören, aber oft nur schwer sehen.
Unterscheidung zu Grillen und Heuschrecken
Viele Menschen verwechseln das Geräusch. Wenn Sie nachts ein Zirpen wahrnehmen, handelt es sich meist um Grillen oder Laubheuschrecken. Wollen Sie jedoch eine echte Singzikade hören, müssen Sie tagsüber lauschen. Der Ton der Zikaden ist oft metallischer, durchdringender und erinnert eher an ein elektrisches Sägen oder Rauschen als an das gemütliche Zirpen einer Grille.
Wissenswert: Das Zirpen der Zikaden verstummt oft abrupt, wenn man sich dem Baum nähert, auf dem das Tier sitzt. Sie besitzen ausgezeichnete Augen und reagieren empfindlich auf Bewegung.
Das Phänomen, in Deutschland eine Singzikade hören zu können, wird in Zukunft zunehmen. Für Naturliebhaber ist dies eine Bereicherung der heimischen Fauna, auch wenn die Lautstärke an extrem heißen Tagen durchaus intensiv sein kann.